Die Ethik des rationalen Drogenkonsums (4) Das Psychonautische Prinzip

Das Psychonautische Prinzip

Die psychonautische oder erforschende Anwendung von Drogen ist heutzutage relativ selten. Sie ist am häufigsten bei intellektuellen Individuen und bei indigenen Völkern anzutreffen. Der Konsument verwendet hierbei Drogen, um seine eigene Psyche zu erforschen oder philosophische, spirituelle oder pharmakologische Experimente durchzuführen.

Für diese Ziele sind vor allem Psychedelika am besten geeignet und damit maßgebend. Das Wort psychedelisch bzw. psychedelic wurde 1956 von dem Psychiater Humphry Osmond und dem Schriftsteller Aldous Huxley geprägt und leitet sich von den griechischen Wörtern psychḗ‚ (Seele) und dẽlos (offenkundig, offenbar, manifestiert) ab. Damit soll beschrieben werden, dass Psychedelika die Grenze zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein auflösen. Das bekannteste Psychedelikum ist Lysergsäurediethylamid (LSD), welches, wie die meisten anderen auch, an den Serotoninrezeptoren 5-HT2A/C im Thalamus wirkt. Der Thalamus ist so etwas wie das Kontroll- und Zensurzentrum im Gehirn. Er entscheidet, welche Informationen aus der Umwelt und aus dem Unterbewusstsein ins Bewusstsein gelangen und welche nicht. Durch die Wirkung eines serotogenen Psychedelikum wie LSD oder Meskalin wird der Thalamus hyperaktiv und leitet viel mehr Informationen weiter als sonst. Dies führt bei höheren Dosierungen zu den bekannten Pseudohalluzinationen, wie atmenden Wänden, spirituellen Visionen und Synästhesie, da der Visuelle Cortex irgendwann mit der Menge an Informationen überfordert ist. Hierbei handelt es sich allerdings meistens eher um eine Nebenwirkung. Die Hauptwirkung von Psychedelika besteht nämlich dabei, dass der Konsument mit seinem Unterbewusstsein konfrontiert wird. Erinnerungen, Schwächen, eigenen Fehler und mentale Blockaden tauchen auf und werden bewusst. Dies kann ein sehr belastender Zustand sein und unter Umständen, insbesondere bei schlechtem Set (physische Umgebung) und Setting (psychischer Zustand) zu sogenannten Horrortrips führen, bei dem der Konsument überfordert ist und in Panik ausbricht. Solche Horrortrips können zu langfristigen Schäden wie Traumata und Depressionen führen oder latente Psychosen auslösen (auch wenn sie keine Psychosen direkt verursachen können).

Wenn allerdings ein gutes Set und Setting eingehalten wird und der Konsument den Rausch ernsthaft angeht, kann er aus ihm sehr viel über sich selbst lernen, insbesondere über seine Probleme und wie er sie lösen kann. Auch vermögen Psychedelika den Konsumenten zu rekonditionieren, also tiefsitzende Verhaltensmuster und Gewohnheiten zu verändern. Dies macht man sich in der psycholitischen Psychotherapie zunutze. Dabei wird dem Patienten MDMA[i], Psilocybin oder LSD verabreicht. Während des Rauschzustands nutzt ein dafür ausgebildeter Therapeut dann den Zugang zum Unterbewusstsein, um gezielt Fragen zu stellen und so die Ursache psychischer Probleme zu finden. Diese Therapieform hat sich als höchst effektiv bei der Behandlung von PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung), Depressionen und Drogenabhängigkeit erwiesen. Psychedelikakonsumenten haben sogar statistisch gesehen im Vergleich zum Rest der Bevölkerung ein niedrigeres Depressionsrisko[ii].

Psychedelika können allgemein als zweischneidiges Schwert betrachtet werden. Sie können bei der psychonautischen Anwendung viel Heil bringen, aber auch viel Schaden anrichten, weshalb der Konsum immer gut vorbereitet werden muss. Der Konsument sollte sich gut über das jeweilige Wirkungsspektrum der Substanz informieren und dafür sorgen, dass er während des Rausches sich auf sich selbst konzentrieren kann und nicht gestört wird. Auch setzt die sinnvolle Verwendung von Psychedlika eine gewisse geistige Reife und Stabilität voraus. Sind diese Bedingungen gegeben, so spricht eigentlich rational nichts gegen einen Psychedelikakonsum, da der Nutzen der Selbsterforschung höher ist, als die Risiken, von dem, was man in seinem Unterbewusstsein vorfinden könnte, langfristig geschädigt zu werden.

Auch wenn die körperliche Belastung der meisten Psychedelika sehr gering ist, so ist es bei LSD unmöglich eine tödliche Überdosis zu konsumieren, ist die psychische Belastung enorm.[iii] Der Konsument braucht nach einem psychedelischen Rausch in der Regel eine längere Zeit, um die daraus gewonnen Erkenntnisse zu verarbeiten. Aus empirischen Erfahrungen vieler Konsumenten, ist es nicht sinnvoll und sicher Psychedlika öfters als vier Mal im Jahr zu nehmen. Die meisten Psychedelika sind nicht suchterzeugend oder abhängigmachend und ihr Konsum reguliert sich selber, da die meisten Konsumenten den Konsum von Psychedlika nach einiger Zeit von selbst einstellen, weil sie keine neuen Erkenntnisse mehr daraus gewinnen können.

Einige Substanzen, wie MDMA oder gerauchtes Cannabis, weisen allerdings sowohl psychedelische, als auch euphorisierende und damit hedonistische Merkmale auf und können auch zur Sucht führen. Ihr Konsum sollte vorsichtig betrieben werden, da er schnell von einem psychonautischen zu einem hedonistischen Konsum werden kann und damit an Mehrwert verliert.

Neben den Psychedelika gibt es noch zwei weitere Substanzklassen, die sich für eine psychonautische Verwendung eignen. Dies wären einmal die Dissoziativa, von denen die wichtigsten Vertreter Ketamin, Salvinorin A und PCP sind. Von ihnen ist nur Salvinorin A eine reine psychonautische Droge, während die beiden anderen auch euphorisierend, suchterzeugend und schmerzstillend wirken und daher von den meisten Konsumenten ihm Rahmen des hedonistischen Prinzips benutzt werden. Auch sind Ketamin und PCP neurotoxisch und giftig, während bei Salvinorin A keine giftigen Effekte bekannt sind, weshalb Salvinorin A das einzige Dissoziativum ist, dessen Konsum mehr Nutzen bringen als Schaden anrichten kann, allerdings gelten hier die gleichen Sicherheitsbedingungen von Set und Setting wie bei den Psychedelika.

Die dritte, große und gefährlichste Substanzklasse der Drogen, die sich für einen psychonautischen Konsum eignen, ist die der oneirogenen (=traumerzeugenden) Drogen. Träume sind Produkte unseres Unterbewusstseins und können uns daher sehr viel über uns erzählen. Es gibt verschiedene Drogen, die Träume auch im Wachzustand erzeugen oder im Schlaf intensivieren können und so einen intensiveren Blick ins Unterbewusstsein eröffnen.

Die stärkste Substanz dieser Art ist das Ibogain, welches einen bis zu zwei Tage andauernden Wachtraumzustand hervorrufen kann und, durch bisher nicht ganz geklärte Mechanismen, sämtliche Entzugserscheinung und das Verlangen nach Drogen bei Abhängigen schlagartig und dauerhaft beseitigt. Diese Substanz wurde lange Zeit in den USA in Entzugsklinken verwendet, wird allerdings heutzutage immer seltener eingesetzt, da sie, insbesondere in Kombination mit anderen Drogen, tödliche Nebenwirkungen haben kann und schwer zu dosieren ist. Ihre Verwendung ohne ärztliche Aufsicht ist kritisch zu betrachten, da die Sicherheit eher gering ist.[iv]

Des Weiteren können einige Opioide und Opiate, insbesondere Opium und Kratom, in höheren Dosierungen zu psychedelischen Halbwachzuständen oder zu intensiven Träumen führen, allerdings wird dies auch von Euphorie und einem hohen Abhängigkeitsrisiko begleitet, weshalb die psychonautische Anwendung dieser Mittel, wenn überhaupt, höchstens alle paar Monate und nur von Konsumenten betrieben werden sollte, die eine starke Willenskraft besitzen.

Fast alle Pflanzlichen Drogen aus dem psychonautischen Spektrum wurden und werden von verschiedenen Völkern auch als Sakramente verwendet, um durch ihre halluzinogene und spirituell reinigende Wirkung vermeintlichen Kontakt mit übernatürlichen Wesen herzustellen. Beispiele dafür sind Mutterkorn im antiken Rom, Peyote in Nordamerika und Ayahuasca in Südamerika. Dieser Konsum ist aus moderner, rationaler und wissenschaftlicher Sicht, eher kritisch zu betrachten, allerdings hängt dies auch davon ab, wie hoch man Kultur und Tradition beurteilt.

 

Als sichere und gesündere Alternative zum psychonautischen Drogenkonsum können philosophische Studien und Meditation, bei der sogar fast identische halluzinogene Zustände erreicht werden können, angeführt werden. Ihre erfolgreiche Anwendung bedarf allerdings Jahrzehnte an täglicher Praxis und hoher Konzentration auf das Ziel.

 

Hier geht es weiter mit Teil 5 von 6

 

[i] The safety and efficacy of ±3,4-methylenedioxymethamphetamine-assisted psychotherapy in subjects with chronic, treatment-resistant posttraumatic stress disorder: the first randomized controlled pilot study

  von Michael C Mithoefer, Mark T Wagner, Ann T Mithoefer, Lisa Jerome und  Rick Doblin

http://jop.sagepub.com/content/25/4/439

 

[ii] Universität Alabama, Journal of Psychopharmacology doi:10.1177/0269881114565653; Jan. 2015

  1. S. Hendricks, C. B. Thorne, C. B. Clark, D. W. Coombs, M. W. Johnson: Classic psychedelic use is associated with reduced psychological distress and suicidality in the United States adult population. In: Journal of Psychopharmacology. 29, 2015, S. 280, doi:10.1177/0269881114565653.

 

[iii] Lysergic acid diethylamide (LSD) for alcoholism: meta-analysis of randomized controlled trials, von Teri Krebs und Pål-Ørjan Johansen, veröffentlicht 2012

 

Safety and Efficacy of Lysergic Acid Diethylamide-Assisted Psychotherapy for Anxiety Associated With

Life-threatening Diseases, von Peter Gasser, MD,* Dominique Holstein, PhD,ÞYvonne Michel, PhD,þ Rick Doblin, PhD,§ Berra Yazar-Klosinski, PhD,§ Torsten Passie, MD, MA,|| und Rudolf Brenneisen, PhD, veröffentlicht 2014

 

[iv] Screening and safety in ibogaine treated patients, Dora Weiner Foundation, Staten Island, NY

K.R. Alper, H.S. Lotsof, G.M. Frenken, D.J. Luciano, J. Bastiaans 1999 234–42.

  Giannini, A. James: Drugs of Abuse, 2nd, Practice Management Information Corporation, 1997, ISBN 1-57066-053-0.H.S. Lotsof (1995). Ibogaine in the Treatment of Chemical Dependence Disorders: Clinical Perspectives

 

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