Willkommen in der Hölle

Er atmete tief ein. Es war ein kühler Sommerabend. Der Wind blies in sein Gesicht und verwirbelte das Haar. Er atmete wieder aus. Ein letztes Mal sah er auf die Armbanduhr. Es war kurz nach 20 Uhr. Hinter der Skyline ging die Sonne unter. Er legte seine Brille auf den Boden und lockerte seine Krawatte. Dann sprang er. An 64 Stockwerken vorbei, raste er dem harten Asphalt entgegen. Das Rauschen der Luft in seinen Ohren überdeckte alle anderen Geräusche, doch an den vor Entsetzen verzerrten Gesichtern einiger Passanten, konnte er die Schreie ablesen. Er schien zu schweben und die Zeit floss so langsam wie Honig. Seine Kleidung flatterte und die Sonne schenkte ihm einen letzten Abschiedskuss von dieser Welt. Er lächelte schwach. Endlich Frieden. Plötzlich befand sich der Boden direkt unter ihm. Sein Gesicht verzerrte sich zu einem Schrei. Bevor er aber nur einen Ton herausbrachte, wurde die Welt mit einem lauten Krachen schwarz.

 

Joseph schreckte auf, als hätte ihm jemand einen Eimer Eiswasser ins Gesicht geschüttet. Er schnappte nach Luft und schüttelte seinen Kopf, stellte jedoch verwundert fest, dass er trocken war, und blickte sich verwirrt um.
Er saß in einem Büro. Links und rechts von ihm beugten sich vollgepackte Bücherregale unter ihrer Last. Es erinnerte ihn an das muffige Arbeitszimmer eines alten Juristen. Ihm gegenüber saß ein junger Mann in einem schwarzen Anzug hinter einem Eichenschreibtisch, auf dem sich Ordner und Mappen stapelten. Seine langen, schwarzen Haare waren zurückgegeelt. In der Luft hing der Geruch von Minz-Rasierwasser. Der Mann durchblätterte gerade eine Aktenmappe. Joseph konnte sich nicht daran erinnern, wie er hierhergekommen war.
»Sie sind doch Joseph Alexander Moore, oder?«, fragte der junge Mann und blickte dabei von den Unterlagen auf. Seine gelben Augen hatten etwas Bekanntes und Ruhiges an sich, sodass ihre Farbe Joseph gar nicht merkwürdig vorkam.
»Ähm, ja der bin ich«, antwortete Moore verdutzt und nickte.
»Großartig.« Der Mann lächelte und vermerkte etwas in den Unterlagen. »Ich vergaß ja mich vorzustellen. Entschuldigen Sie. Mephistopheles. Aber sie können mich auch Mephistos nennen«, sagte sein Gegenüber und schüttelte Joseph über den Tisch hinweg die Hand. Sein Händedruck war kräftig, aber eiskalt, wie der einer Leiche, bemerkte Moore entsetzt.
»Mephistopheles? So wie der Teufel?«, fragte Moore ungläubig. Mephistos lächelte.
»Nein. Nein. Nicht nur wie. Der«.
»Heißt das etwa ich bin in der Hölle?«, fragte Joseph perplex. Er konnte es nicht glauben.
»Ja wo denn sonst? Suizid ist ein Kapitalverbrechen mein Freund, da können sie doch nicht erwarten in den Spießerverein da oben zu kommen. Wobei ihnen das nur einen dauerhaften Aufenthalt bei uns gesichert hat. Hinzu kommen noch zahlreiche kleine unappetitliche Vergehen, die ihnen in der Summe 316 Jahre eingebracht hätten, aber die sind jetzt sowieso irrelevant«, antwortete Mephisto sichtlich amüsiert. Schlagartig kamen die Erinnerungen zurück.
Joseph fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Das alles konnte eigentlich nicht real sein. Er wollte aufstehen, doch Mephisto blickte nur lächelnd zu ihm auf und eine unsichtbare Macht drückte ihn wieder in seinen Stuhl. Panik machte sich in Joseph breit und er wackelte nervös mit seinen Beinen, jederzeit bereit aufzuspringen und wegzulaufen.
»Nicht so schnell. Sie dürfen ja gleich weiter, aber davor brauche ich noch ein paar Unterschriften von ihnen. Lästige Formalitäten, ich weiß, aber sonst steigt mir der Alte wieder aufs Dach und schließlich macht er die Regeln« Mephisto lächelte und seine weißen spitzen Eckzähne funkelten Joseph an. Der Teufel nahm aus der Akte einen Stapel zusammengetackerter Papiere und schlug sie vor ihm auf. »Einmal hier unterschreiben, bitte«, sagte er und deutete auf ein leeres Unterschriftfeld.
»Und was, wenn ich nicht unterschreibe?«, fragte Joseph, ohne auch nur einen Blick auf den Text zu werfen.
»Dann kann ich Sie leider nicht hereinlassen und wir werden sie irgendwo einlagern müssen. Nicht sehr angenehm, glauben Sie mir«, antwortete Mephistopheles seelenruhig. Moore sträubte sich der Nacken bei dem Gedanken irgendwo gelagert zu werden und er wollte gar nicht erst nachfragen, was es genau bedeutete. Zögerlich nahm er den Kugelschreiber, den ihn Mephisto entgegenstreckte, und unterschrieb. Er versuchte einen Blick darauf zu werfen, was er da unterschrieben hatte, doch die Schrift war winzig und nicht leserlich. Als er sich stirnrunzelnd vorbeugte, blätterte sein Gegenüber rasch um und deutete auf eine neue Stelle.
»Machen Sie sich keinen Kopf und unterschreiben sie einfach. Sie haben sowieso keine Wahl«, sagte Mephisto mit einem leicht entnervten Ton.
Joseph unterschrieb und versuchte diesmal gar nicht erst den Text zu betrachten.
»Es ist eh nicht weiter tragisch, wenn sie bei uns sind. Heutzutage kommt sowieso vielleicht nur einer von fünfhundert Erwachsenen nicht nach dem Tod zuerst zu uns, sondern zum alten Sack da oben.« Joseph blickt erstaunt auf, nachdem er die letzten Unterschriften gesetzt hatte.
»Ist das wahr?«
Mephistopheles lehnte sich lächelnd in seine Sessel zurück. »So wahr, wie ich hier bin. In den VIP-Club da oben kommen ohne einen Zwischenstopp bei uns nur kleine Kinder und gelegentlich ein Geistlicher und seltener ein normaler Mensch. Wir haben hier unten deswegen auch die interessanteren Persönlichkeiten. Goethe, Huxley, Shakespeare, Blake, Nietzsche, sogar neun Zehntel der Päpste. Nur die ewige Jungfrau Newton mussten wir vor paar Wochen abgeben. Aber der hat mich eh gelangweilt. Wollen sie eine Zigarre?« Mephistos holte eine Box mit langen Schwarzen Zigarren hervor und hielt sie Moore entgegen.
»Nein Danke, ich rauche nicht. Mein Vater ist an Lungenkrebs gestorben und ich…«
Mephistopheles brach in schallendes Gelächter aus.
»Falls Sie es noch immer nicht gemerkt haben. Sie sind bereits tot.«
Joseph lächelte nervös. Mephistos beruhigte sich und zündete eine Zigarre an, bevor er fortfuhr.
»Im Ernst. Ich persönlich finde es hier natürlich viel besser als dort oben. Im Himmel, mein Freund, fließen Milch und Honig und in ewiger Glückseligkeit tollen die Toten durch den Garten Eden, während die Engel ihre Fanfaren zum Besten geben. Ist doch stinklangweilig. Wir haben hier alles was das Herz wirklich begehrt. Black Jack, Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll, nur um einige Beispiele zu nennen.«, sagte Mephistos und blies eine große Rauchwolke aus seinen Nüstern. Moors Hände waren feucht. Gebannt hörte er dem Teufel zu, welcher seine Zigarre in einem schwarzen Aschenbecher ablegte. »Glauben Sie, dass es ihnen hier gefallen wird?«, fragte er und inspizierte dabei Moore mit einem prüfenden Blick.
»Ja, ich glaube schon …«, antwortete Joseph vorsichtig nickend. Er bemerkte, dass er sich vor Anspannung in die Lippen gebissen hatte.
»Dann ist ja alles wunderbar. War mir eine Freude Sie kennenzulernen Mr. Moore.« Lächelnd stand der Teufel auf und schüttelte Joseph herzlichst die Hand.
»Es war mir ebenfalls eine große Freude Sie kennenzulernen«, antwortete Moore ebenfalls lächelnd und wollte gehen, aber als er sich umdrehte, fiel ihm auf, dass es keine Tür gab. Er wandte sich wieder zu Mephistopheles, welcher ihn anlächelte und einen kleinen roten Knopf auf seinen Schreibtisch drückte.
»Auf Wiedersehen Mr. Moore«, konnte Joseph noch hören, während er durch ein Loch in die Tiefe fiel.
 

 
Einige Wochen später saß er deprimierter, als er es in seinem Leben je gewesen war, in einer stickigen Bar, in der Zigarrendunst wie ein dichter Nebel im Raum hing und der Geruch von billigem Alkohol ihm in der Nase brannte. Aus den schlechten Boxen drang immer wieder die gleiche verzerrte Aufnahme eines lausigen 80er Jahre Songs, zu dem sich im Hintergrund lustlos nackte Gestalten rekelten. Draußen, in Sodom, der Hauptstadt der Hölle, hagelte und stürmte es seit seiner Ankunft ununterbrochen. Sehnlicher als je zuvor wünschte er sich ein Ende. Dumm nur, dass man nur einmal sterben konnte. Er hasste diesen gottlosen und hoffnungslosen Ort. Betrübt starrte er in sein fast leeres Glas, als ihm neu eingeschenkt wurde. Er blickte zum Barkeeper auf und erkannte erstaunt Mephistos. »Und gefällt es ihnen noch immer hier Mr. Moore?«, fragte der Teufel. Joseph brummte nur etwas Unverständliches und starrte wieder auf sein Glas, das er zwischen seinen Fingern drehte. Dann blickte er wieder zu Mephistopheles auf. »Nein«, sagte er letztendlich. Mephistos runzelte betrübt die Stirn.
»Wollen wir eine Runde Black Jack spielen, Mr. Moore? Man kann an diesem Ort auch Spaß haben.«
»Warum nicht. Hab ja schließlich nur eine Ewigkeit zu überbrücken«, seufzte er und erhob sich mühsam von seinem Stuhl, um Mephistos zu folgen, der sich bereits auf dem Weg zu einem runden Tisch machte. Dort warteten bereits einige düstere Gestalten.
»Um was wollen wir spielen Mr. Moore?«, fragte der Teufel ihn. Joseph stutzte einen Moment.
»Wie wäre es mit meiner Seele?«, fragte er dann.
Mephistos brach in schallendes Gelächter aus.

 


Diese Geschichte und ihren Gegenpart, nämlich „Willkommen im Himmel“, findest du in Wahnsinn.

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