Die Kolonne der abgefuckten Gestalten

Wir waren schon eine armselige Reihe. Der Typ vor mir lief selbst bei den niedrigen Spätherbsttemperaturen noch barfuß in Sandalen rum, zu denen er einen unpassend speckigen Ledertrenchcoat trug. Seine Einkäufe bestanden aus Zigaretten und einer 2-Liter-Cola Flasche. Nikotin beschleunigt den Abbau von Koffein, was dazu führt, dass man sich meist dank des Tabaks gleich zwei Abhängigkeiten einkaufte.
Der Industrie schadet es sicherlich nicht.
Dann kam meine Wenigkeit, ein unsozialer Möchtegern Jungschriftsteller. Ich sah so ungepflegt und ausgezehrt aus, dass selbst ein Obdachloser mir seinen Mantel angeboten hätte. Mein Vater war das Paradebeispiel für ein Arschloch von CEO, welches fremdging und die Kinder mit Geld zuschmiss, aber das war kein Grund für mich sich mit Markenklamotten mit eingenähter Kinderhand einzudecken. Wen interessiert schon das eigene Aussehen, wenn die Eltern sich scheiden lassen, man zwischen Depressionen und Manie schwankt und ungefähr so viel Interesse an seinem eigenem Überleben, geschweige denn an der Reproduktion, hat wie ein Stein? Gelangweilt lehnte ich mich gegen das Fließband, starrte auf die Regale mit Spirituosen und Süßigkeiten vor mir. Langeweile. Ich drehte mich um und starrte die Personen hinter mir an. Mir folgte ein aufgedunsener, rasierter Riesenhamster, der sich schwer atmend gegen seinen Einkaufswagen lehnte. Diesen entlud bereits unbeholfener Rasierter-Hamster junior, genauso fett, aber die Haut zumindest noch in einem gesunden Rot leuchtend. Ein 500g Beutel Zucker, Schokolade, Gummibärchen und Fruchtjoghurt aus Zucker und Farbstoff, plumpsten nacheinander auf das Fließband. Das einzige, was die beiden kauften, das nicht aus Zucker zu bestehen schien, waren Eier und Weizenmehl. Hinter den beiden angehenden Diabetikern entlud gerade eine alte Omi ihre Bierflaschen aufs Fließband. Vom Aussehen her älter als die Mumien der Pharaonen, in Wirklichkeit eher erst 55 und Alkoholikerin, wahrscheinlich schon körperlich abhängig. Aber wen juckt das Elend schon, solange es gesellschaftlich akzeptabel ist, wegen seiner Jahrtausende alten, primitiven Tradition. Ich tat den Irrsinn mit einem gedanklichen Schulterzucken ab und starrte wieder auf das Duo direkt hinter mir. Es faszinierte mich, wie man so viel Zucker konsumieren konnte ohne, dass man sofort krepierte. Ich fühlte mich an den Dokumentarfilm Voll verzuckert erinnert. Darin nimmt der Regisseur Damon Gameau zwei Monate lang jeden Tag 160g Zucker zu sich. Seine Leberwerte verschlechtern sich rapide und er nimmt 9 Kilo zu. Ich schätzte ab, wie viel Zucker die beiden Hamster am Tag verbrauchten und wie wohl ihre Leberwerte aussehen könnten. Mit wie viel Jahren würde Hamster Junior seinen ersten Herzinfarkt bekommen? 21? 28? Vielleicht schafft er es bis 35? Erst der konfuse Blick des Hamstervaters ließ mir zu verstehen geben, dass er keinen Wert darauf legte gemustert zu werden, wie Elefanten im Zoo. Und da ich meinerseits keinen Wert auf Augenkontakt legte, senkte ich meinen Blick wieder auf meine eigenen Sachen. Eine glutenfreie Tiefkühlpizza und ein Vitaminwasser – wenn man schon nicht ins Sonnenlicht ging oder Obst aß, dann sollte man zumindest den chemischen Cocktail aus Farbstoffen, Mineralien, Vitaminen D, B, Niacin, E und hol der Teufel noch was schlürfen, damit die Pisse die gesunde gelbe Farbe von ausgefilterten Vitaminen beibehielt. Ob der Kassierer – es war heute der gleiche wie jedes Mal, wenn ich hier einkaufen kam – mittlerweile wusste, dass ich eine Glutenunverträglichkeit hatte?
Einerseits kam ich fast jeden Tag hierher und auf magische Weise war es immer der gleiche bärtige Hipster mit Hornbrille, der meine Sachen abscannte;
anderseits war es mir gar nicht recht, dass er sich an mich erinnerte. Durch meine Einkäufe könnte er mehr über mich in Erfahrung bringen, als die NSA, die die sozialen Netzwerke überwacht, wo ich eh inexistent bin. Was das für ein Spaß sein musste die Hetzbeiträge gewisser dreizehnjähriger Videospieler und Neonazis zu entziffern. Da würde ich auch lieber nach Moskau auswandern.
Ich musterte den Kassierer misstrauisch, während der Trenchcoat Raucher gerade einzelne Centmünzen aus seinen Taschen zusammenklaubte. Ob dieser Hipster sich noch daran erinnerte, wie ich vor ein paar Monaten während eines Trips mit einem Bekannten mich zuerst zwischen zwei Regalen verlaufen hatte und ihm danach an der Kasse (wahrscheinlich lautstark) zuflüsterte, dass die Leute um uns herum bemerkt hatten, dass wir auf Pappe waren? Denkt so ein Kassierer überhaupt mit und merkt sich so etwas? War er mehr als nur ein Roboter aus Fleisch und Blut, der stundenlang derselben monotonen Tätigkeit nachging. Was für verrückte Dinge erlebt eigentlich ein Kassierer und wie viel nimmt er davon schweigend mit ins Grab? Merkt er sich, dass ich niemals Alkohol oder Tabak kaufte, dafür aber einmal Papes, immer glutenfreie Sachen, viel Kaffee und ab und zu den Playboy? Berichtete er von seinen Beobachtungen der Polizei oder einem Tagebuch? Vielleicht sollte ich mich doch mit meinem Kassierer gut stellen, schließlich sah ich ihn ja 6-mal die Woche, öfters als meinen Psychologen oder meine nichtexistenten Freunde. Hielt er mich vielleicht für einen kiffenden Hippie-Penner? Das wäre ein komplett falsches Bild von mir.
Ich überlegte gerade, wie ich ihm vermitteln konnte, dass dies nicht so war, als der Trenchcoat Typ endlich bezahlt hatte. Die Kolonne der abgefuckten Gestalten bewegte sich um eins weiter und ich war an der Reihe. »Guten Abend«, sagte der Kassierer in seinem monotonen Ton, und noch bevor ich zurückgrüßte, hatte er meine beiden Sachen abgescannt. Ich hatte kein Kleingeld, also zahlte ich mit der EC-Karte. So wie ich aussah, dachten sie alle wahrscheinlich, ich hätte sie gestohlen und irgendwie fühlte ich mich genauso. Nervös tippte ich die PIN ein und atmete erleichtert aus, als die Karte wieder in meinem Portemonnaie verschwand. Ich sagte noch, dass ich den Kassenzettel nicht bräuchte, und dann war ich bereits bei der Tür. Der kalte Wind des Herbstabends schlug mir entgegen, als ich mich auf den Weg zurück zu meiner Höhle machte. Das war mir genug soziale Interaktion für heute. Den Rest des Abends würde ich mit Pizza und Büchern verbringen. Erst morgen wieder, wenn meine Familie nervte und der Magen knurrte, der Schädel von Kaffee und Büchern brummte, sollte ich mich wieder auf den ritualisierten Weg zu den abgefuckten Gestalten im Supermarkt machen.


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